Freitag, September 15, 2006

Stadt aus Glas

Genau ein Foto. Das ist alles, was vom Tag bleibt. Aber das später. Ich wollte also eine Wiederholung von gestern. Die S-Bahn rotzt mich am Hauptbahnhof auf den Bahnsteig und ich verzichte diesmal darauf, meinen Mitmenschen im Reisegewusel auszuweichen. Heute sind die anderen dran.

Draußen ist es schwül. Die Luft drückt und es fühlt sich an, als würde über der Stadt ein dünner, dreckiger Film liegen, der die Hitze festhält. Ich hole die Kamera aus dem Rucksack und mache mich auf den Heimweg.

Ein Gerüst versperrt den halben Fußweg, als mich ein Schlag auf den Rücken trifft, den ich mit einem langen Schritt nach vorn abfange. Instinktiv balle ich die freie Hand zu einer Faust, weil ich davon ausgehe, diese gleich benutzen zu müssen. Irgendetwas hat meinen Rucksack erwischt. Ich drehe mich um und hinter mir läuft, wild gestikulierend, ein kleiner Mann. Er mag etwa Mitte zwanzig sein und würde in einem Western sicher einen ordentlichen Indianer abgeben. Allerdings ist er heute in Zivil, also der Reservatsindianerversion unterwegs. Inklusive Drogenkonsum – das unterstelle ich an dieser Stelle einfach mal. Und weil Hood gerade eine Pause in meinen Kopfhörern einlegen, kann ich sogar verstehen, was er sagt.

„Get the fucking things off. Get the fucking things off.” Den gezischten Akzent kann ich nicht zuordnen, British English ist das aber nicht. Ich brauche noch ein wenig, bis ich verstehe, dass er die Kopfhörer meint. Ich leiste seinem unfreundlich formulierten Imperativ keine Folge und bleibe stattdessen stehen, so dass ich nun den ganzen Weg blockiere und er mich fast umrennt. Er blickt mich mit wilden Augen an. Warum eigentlich Englisch? Ich überlege einen Moment eine passende Antwort. Schlagen geht ja nicht, denn das habe ich bisher noch nie gemacht und ich werde bestimmt nicht damit anfangen, wenn ich meine Kamera und komplette Fotoausrüstung am Körper habe. Dass ich gewinnen würde, behaupte ich jetzt einfach mal aufgrund von körperlicher Überlegenheit.

Es will mir nichts Sinnvolles als Antwort einfallen und so schaue ich ihn einfach nur an und fange an zu grinsen. Das macht ihn zornig, und er stößt mich leicht zur Seite, als er sich an mir vorbeidrängt. Jetzt geht er vor mir und ich laufe ihm einfach hinterher. Auf den nächsten Metern schaut er sich immer wieder böse um, entweder, die Ernsthaftigkeit seines Auftritts noch zu unterstreichen, oder aus Angst, jetzt aufs Maul zu bekommen. Jedenfalls grinse ich ihn die ganze Zeit über an.

Schließlich schaut er nur noch nach hinten, läuft aber dabei weiter. Das bringt ihn um ein Haar in ernsthaftere Probleme, als er sie mit mir je haben könnte, denn er rempelt zwei nette kahlgeschorene Gorillas im Muskelshirt an, die sich angeregt in osteuropäischer Sprache unterhalten. Außer bösen Blicken und lautem Protestbellen tun die beiden aber nichts.

Er beginnt schneller zu laufen, doch ich bleibe einfach mal dran. Ich mache mir einen Spaß daraus, zuzusehen, wie er versucht, von mir fort zu kommen und dabei beinahe eine Frau mit Kinderwagen umreißt. Er schafft es, sich binnen Sekunden eine gute Platzierung in den Top 5 meiner Lieblingsirren zu verschaffen. Ich biege hinter ihm noch um eine Ecke und sehe, wie er in einem Hauseingang verschwindet.

Als ich den Hauseingang passiere, der ein Eingang zu einer öffentlichen Einrichtung unbestimmter Art ist, steht er dort und gibt vor, die Aushänge zu lesen. Das dürfte schwer fallen, denn wer sich mit schlechtem Englisch behelfen muss, wird sich kaum mit Beamtendeutsch auseinandersetzen wollen. Er blickt aus den Augenwinkeln zu mir herüber. Einen Augenblick überlege mich, ob ich mich neben ihn stellen und die Aushänge studieren soll. Da ich aber nicht mit einem Messer in der Brust vor irgendeiner Behörde enden will, gehe ich weiter.

Ich laufe noch etwa eine Dreiviertelstunde in Richtung Heimat und tue nichts außer, ob der drückenden Schwüle, ordentlich zu schwitzen. Meine Stimmung ist mittlerweile genauso trüb wie der Himmel und wird erst wieder dadurch aufgebessert, dass ich an einer Kreuzung einen Polizisten im Halbschatten entdecke.

Mein Gespür für Polizei habe ich während des Zivildienstes entwickelt. Denn dort musste man, wollte man alle Hungerleidenden pünktlich mit Essen versorgen, Verkehrs- und Geschwindigkeitsvorschriften übertreten. Dagegen hat die Polizei, gegen die ich sonst nichts Schlechtes sagen kann, natürlich etwas und so entwickelte ich nach einiger Zeit einen radargleichen Sinn für die Anwesenheit von Schutzmännern und –frauen. Das Ergebnis war, dass ich als erster Zivildienstleistender meiner Station nie geblitzt wurde. Außerdem der einzige, der komplett ohne Unfall ausgekommen ist. Ebenfalls Rekord. Von daher glaube ich, der perfekte Fluchtwagenfahrer zu sein – obwohl – wer will schon einen Fluchtwagenfahrer, der nicht rückwärts einparken kann?

Jedenfalls versteckt sich dort ein Polizist, der die sonnenbebrillten Augen auf die Kreuzung richtet und eifrig in das große Sprechfunkgerät kommentiert. Vorbildlich gehe ich bei Grün über die Kreuzung und freue mich auf das, was da kommen würde.

Ich riet richtig. Keine zweihundert Meter weiter blockieren zwei Streifenwagen die Straße und Fahrzeuge werden herausgewinkt. Noch ein Kilometer bis zu meinem Zimmer – wenn ich heute noch ein Foto machen will, dann hier.

Polizei fotografieren kann Ärger geben. Wenigstens, wenn man grad keinen Presseausweis zur Hand hat. So schaue ich mich um. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite beobachtet ein Junge aus einem Fenster die Verkehrskontrolle. Die rechte Hand bewegt die Kamera zum Auge. Die Linke stabilisiert das Objektiv und dreht den Zoom, während der rechte Daumen den Fokus bedient. Das ganze dauert etwa zwei Sekunden. Klack. Klack. Vielen Dank.

Kommentare:

Roman hat gesagt…

Hattest du Angst beim Zivildienst mit deinem Bürostuhl zu schnell zu fahren oder gar nen Unfall zu bauen?
Wir waren da draussen und haben unseren Arsch riskiert, während du Kaffee gekocht hast! ;-)
Unvergessen bleibt wohl unsere Handbremsen-Drift-Aktion auf dem Rückweg vom Wolf im Wald (oder wie hießen die?). Autofahren hat man da mit der Zeit wirklich gelernt - Schuld sind bei Unfällen deshalb ja auch immer die anderen.
Schöne Geschichten aus dem Leben, Herr Rupert. Weiter so!
Gruß vom Roman

Nils hat gesagt…

Der Einzige, der ja nun wirklich und das im wahrsten Wortsinne seinen Arsch riskiert hat, war ja wohl ich. So viel steht mit ärztlichem Gutachten fest. Und nur weil ich keinen Wagen zersägt habe, bedeutet das nicht, dass ich nicht auch... also... sagen wir, dass es manchmal schon sehr knapp war.
Die Driftaktion bei Wolf'schens war noch lange nichts gegen meinen 180 Grad Drift in Becke, wo ich die Straße wohl ein wenig unterschätzt hatte. Jawohl.
Genug geprahlt. Jetzt bedanken, dann weitermachen.