Dienstag, September 05, 2006

Freitag

Liebes Tagebuch, darf ich vorstellen: Das ist Freitag.

Ich wache auf, weil es neben mir lärmt. Ich habe noch eine halbe Stunde fest für Schlaf verplant und verfluche die Spanierin, die zu meiner Linken laut redet…mit dunkler Männerstimme redet…mit vielen sich ändernden Stimmen redet. Ich beginne mich zu wundern, aber nicht genug, um auf meine halbe Stunde Schlaf zu verzichten.

Auf dem Weg in die Dusche bemerke ich die offene Tür zur Nachbarwohnung und erspähe im Innenraum drei eifrig wienernde Angestellte einer Gebäudereinigungsfirma. Die Spanierin ist fort. Neue Nachbarn. Hier steht fest: Es wird ein guter Tag.

Im Büro ist „mobbing friday“, was zwar generell mehr Aufmerksamkeit fordert, dafür aber umso mehr Spaß macht, insbesondere, wenn man sieht, wie werdende Väter in den Mittdreißigern sich wie Kinder verhalten. Ich darf eine Stunde früher gehen, denn die werde ich brauchen, wenn ich pünktlich in Menden sein will.

S-Bahn, Wohnheim, S-Bahn, Bahnhof. Ich stehe in der falschen Schlange. Das steht für mich fest und darum wechsle ich mit dem Ergebnis, dass der Herr, der eben noch vor mir in der nun verlassenen Schlange war, breit grinsend an mir vorbeigeht, während ich noch etwa zehn Personen vor mir habe.

Der Bahnbeamte ist nett, verrät er mir doch, dass ich durch ein Kartenupgrade auf mein ohnehin vorhandenes Monatsticket für schlappe 2,50€ in die Heimat komme. Das verschwiegen die netten Damen, bei denen ich bislang meine Monats- und Tageskarte im Paket kaufte, bislang wissentlich. Ich werde mir die umsonst ausgegebenen zwanzig Euro wohl wieder erschwarzfahren müssen. Das gebietet schon mein Sinn für Gerechtigkeit.

Der Zug ist voll besetzt und anders als beim letzen Mal ist keine Polizeipräsenz feststellbar. Die Frau, die mir Knie an Knie gegenübersitzt versucht so zu tun, als würde sie schlafen. Den Eindruck kann sie aber nicht lange vermitteln, weil sie nicht durchhält. Sie öffnet die Augen, blickt verstohlen um sich, nestelt dann am Verschluss der Tasche auf ihrem Schoß herum, öffnet sie, nimmt ein weißes Bonbon heraus, steckt es hastig in den Mund und lutscht mit geschlossenen Augen daran herum. Nach der siebten Wiederholung dieses Vorgangs binnen zwanzig Minuten beginne ich, sie dafür zu hassen.

Mein Vater holt mich am Bahnhof ab und redet in den nächsten dreißig Minuten viel vom Altwerden und vom Tod. Ich habe nicht viel zu sagen, außer vielen „Tjas“ und „Jas“. Das ist traurig. Ich denke an meinen Englischlehrer, der die Theorie aufgestellt hat, dass Väter und Söhne von Natur aus nicht gut miteinander reden können. Er hatte das damals mit Wölfen verglichen. Der alte Wolf, der immer Angst hat, später vom Jungen vertrieben zu werden und der junge Wolf immer Angst hat, vom noch stärkeren Älteren verbissen zu werden. Soweit die Theorie. Die Praxis sitzt bei einhundertvierzig im Auto und schweigt.

Zuhause. Einen Happen gegessen und wieder ins Auto. Bochum ist das Ziel, denn ich habe nicht vor, mir das Wochenende von ferngebliebenen Freunden und verreister Familie verderben zu lassen. Dann halt alleine, dann erst recht.

Ich komme zu spät zum Konzert und Sometree spielen schon, als ich in die Halle stürme um mich erschöpft an die spröde Ziegelwand zu lehnen. Dennoch schaffen es die übrigen Stücke, mich beinahe zu Tränen zu rühren.


Sometree - Seraph

In der Pause stelle ich fest, dass es etwas anderes ist, allein auf ein Konzert zu gehen, als mit Freunden. Ich versuche, möglichst wenig verloren auszusehen, was mir wohl nur leidlich gelingt. Jedenfalls setze ich mich an die Wand, weil Rückendeckung nie schlecht ist.

Thorsten (Name von der Redaktion erfunden) prostet mir zu. Torsten ist ein hagerer Typ mit schütterem, dünnem Haar, das ein wenig fettig scheint, aber dennoch auf Schulterlänge getragen wird. Dazu trägt er ein weites, schwarzes T-Shirt zu engen Jeans. „Prost.“ Er ist auch allein hier, weil sein Konzertkumpel sich – wer kann es ihm verdenken – für London entschieden hat. Wir reden kurz über Musik, er lässt aber schnell von mir ab, als ein gutaussehender Pärchen ihm zuprosten, deren Kleidung soeben einem Schaufenster entnommen zu sein scheint.

Cursive spielen, nicht besonders gut, aber auch nicht so schlecht, wie ich befürchtete. Erst nicke ich mit, dann beginne ich mitzuzappeln. Dabei ist es irre Laut und eine Rückkopplung soll zum Permanentecho in meinem Ohr werden. Piepen für die nächsten Tage.


Cursive - Art Is Hard

Thorsten tobt ganz vorn herum und seine Hand ist beinahe die ganze Zeit über gen Himmel gereckt. Direkt hinter ihm zappelt ein Mädchen mit spastischen Bewegungen herum. Das mag ich. Nein, nicht spastische Mädels, sondern Menschen, die sich auf der Tanzfläche keine Gedanken machen, wie sie aussehen, und aus diesem Grund in ein sicheres Hin- und Herwiegen verfallen. Entweder Vollgas oder gar nicht.

Nach einer Zugabe, die den Rest des Konzertes in den Schatten stellt, verlassen Cursive die Bühne. Die ersten bewegen sich Richtung Ausgang. Ich bleibe stehen. Zehn Meter weiter steht Thorsten. Neben ihm meine Lieblingstänzerin des Abends. Ich gehe zu Thorsten, möchte nett sein, freundlich wirken und naja, wer weiß denn schon was dann passiert.

„Hey, na? Deine Hand war ja ganze zwei Sekunden unten. Muss dir ja gefallen haben.“ Sie schaut kurz, Thorsten legt los. Er berichtet, wie er seine Brille verloren hat und was er alles getan hat um sie wiederzubekommen und das das ja gar nicht so leicht sei, Konzert ohne Brille. Am Ende des Gesprächs weiß ich, dass Thorsten mit neun Dioptrien im Minus ist und eine Menge anderes, was ich mir nicht merke, weil ich beobachte, wie das Mädel, das ich nicht zuletzt wegen, aber auch nicht ausschließlich aufgrund ihres Tanzstils während der letzten halben Stunde sehr toll gefunden habe, die Halle verlässt.

Das Ende vom Lied ist eine lange Schlange. Bitte den Menschen bestrafen, der sich Verzehrkarten bei Konzerten ausdenkt und dann nur eine Kasse besetzt. Bitte schwer bestrafen. Die Schlange kostet mich eine Dreiviertelstunde und ist die Überleitung in den nächsten Tag.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

und wieder kein happy end..
(ein ferngebliebener Freund ist wieder in der Heimat..)

Nils hat gesagt…

die happigen enden kommen wohl noch. wäre doch sonst auch unspannend.

ist es der schwedenfreund oder der kölnfreund? diese anonymität macht mich wuschig.

nils