Freitag, August 04, 2006

Trauma

Sie waren so pünktlich, dass es mich anwiderte. Halb zwölf war die Zeit der Zärtlichkeit. Nebenan. Zimmer 138. Meine Nachbarin, die ich noch bis vor kurzem für englischsprachig hielt, war Spanierin. Wenigstens riet ich das anhand der Klänge und Stimmen, die von Zeit zu Zeit den Weg in meinen Raum fanden. Der Zischlaute von sich gebende Unsympath schien also mittlerweile am Ziel seiner Träume angekommen und präsentierte das Ereignis in Stereo.

Die Tatsache, dass die Zimmer scheinbar spiegelverkehrt eingerichtet, also ihr Bett nur durch eine Wand von meinem getrennt war, machte es nicht unbedingt besser. Es folgte das allabendliche Ritual. Erst schrien beide sich an. Wenigstens schien es so. Sie redeten jedenfalls ungemein laut. Ich verstand nicht, was sie sagten, denn die Wand machte aus brüchigem Englisch einen einzigen Klangbrei. Danach wurden sie ruhiger, bis schließlich das Pochen anfing. Das Pochen war das Bett, das vor die Wand und wieder zurückgerammt wurde. Das Pochen war aber auch alles, was man hören konnte. Sonst blieb es ruhig. Dieses Metronom der Liebe schlug etwa für drei Minuten, bevor es verstummte, ich Schritte vernahm und der Wasserhahn aufgedreht wurde. Die Minuten der Einheit endeten mit dem Fortwaschen der Beweise.

Ich lag im Bett und hatte keine Lust auf Audioporno. Nicht heute. Kurzerhand tauschte ich das Einschlafhörbuch gegen Musik, drehte auf, so dass der Subwoofer das einzig hörbare Pochen von sich gab. Ich setzte mich auf die Bettkante, blickte auf die Uhr. Drei Minuten, mein Bester. Dann würde wieder Ruhe sein. Während ich mich in Gedanken darüber lustig machte, dass es tatsächlich immer drei Minuten waren, klopfte es an der Tür. Ein Knopfdruck brachte die Musik zum schweigen. Es klopfte wieder.

Ich ging zur Tür, drückte die Klinke und zog leicht, so dass ich durch den Spalt nach draußen blicken konnte. Dort stand der Typ, der mich neulich im Treppenhaus so nett angesehen hatte. Jetzt allerdings trug er nur grüne Boxershorts, auf denen sich vorne, an einer deutlich sichtbaren Beule ein dunkler Fleck gebildet hatte.

Er erkannte mich nicht. Jedenfalls dachte ich das.
Mach die Musik aus, Alter!
- „Musik? Ist doch schon aus!
Er war etwa einen Kopf kleiner als ich. Dafür beinahe doppelt so breit. Dort wo bei mir glatte Haut war, hatte er überall Sehnen und Adern, die aus seinen zugegebenermaßen beeindruckenden Oberarmen eine Landkarte machten.

Ey, wenn du noch einmal die Scheißmusik anmachst…
- „Hey, ganz ruhig. Entspann dich mal. Immerhin warst du ja grad eben auch kurz davor.
Er verstand nicht. Englisch kannste nicht, aber Muckibude, dachte ich.
Was willst’n damit sagen?
- „Du kannst mir jetzt nicht sagen, das du davon ausgehst, dass ich euch nicht höre, da drüben.

Es wäre wohl besser gewesen, die Tür einfach zu schließen und ihn dort stehen zu lassen.
Was hörst du denn, hä?“
-„Na, wenn ihr da so euren Spaß habt, halt.
Alter, was geht denn bei dir? Hörst du mir und meiner Freundin etwa beim ficken zu?
Das aufgestaute Testosteron machte aus ihm einen Löwen.
Ich hör euch nicht zu. Ich hör es halt einfach, okay?
Mir fiel nicht ein, meine musikalische Abwehrmaßnahme gegen diese Anklage vorzubringen.
Alter, bist du pervers?
Er tat einen Schritt auf mich zu und drückte mit dem Knie nun leicht gegen die Tür, so dass ich sie nicht schließen konnte.
Ich bin nicht pervers. Ich will euch doch gar nicht hören!
Die letzten Worte waren sehr laut gesprochen und ich drückte die Tür zu. Damit tat ich ihm jedoch einen Gefallen, indem ich ihm einen Grund gab, anzufangen.
Mein Knie Alter! Willst du mein Knie brechen?
Konnten Knie brechen? Ja, ich will dir die Knie brechen.
Nein, natürlich nicht.
- „Was bist du denn für ein Spinner, Alter? Pervers und jetzt auch noch aggressiv! Wird mal Zeit, dass dir jemand…
Er konnte seinen letzten, scheinbar aus Filmen gelernten Satz nicht zu Ende bringen, denn er warf sich mit vollem Körpergewicht gegen die noch immer spaltbreit geöffnete Tür.

Die mir entgegen springende Tür traf die Nase. Es gab ein hässliches, brechendes Geräusch und meine Augen zeigten nur noch schwarz. Da war kein Schmerz. Ich fühlte, wie ich nach hinten in den Raum fiel, wobei meine rechte Schulter hart gegen den Schrank prallte. Willkommen Schmerz. Der Boden empfing mich hart und ich war froh, dass ich nicht weiter fiel. Ich versuchte die Augen zu öffnen und sah durch einen roten Film hindurch, dass mein Gegner sich durch den nun größer gewordenen Türspalt in den Raum zwängte. Er blieb stehen, und blickte mich mit wahnsinnigem Blick lange an. Ich atmete laut. Dann spuckte ich Blut, das sich in meiner Mundhöhle langsam sammelte und scheußlich schmeckte.
Scheiße!
Das war alles. Scheiße. Er drehte sich um und verließ den Raum. Die Tür zog er zu.

Da lag ich blutend auf dem Boden. Ich konnte nicht aufstehen. Ich wollte nicht aufstehen. Auf eine Art genoss ich sogar den Eisengeschmack in meinem Mund, den dumpfen Druck, der meine Nase scheinbar zum Platzen bringen wollte, das Prickeln überall im Gesicht, den brennenden Schmerz, der meine Schulter langsam überzog, das Blut auf dem kalten PVC, das Pochen meines Pulses. Moment. Nein. Dieses Pochen war nicht mein Puls. Das kam nicht von mir. Das kam auch nicht aus diesem Raum. Ich schloss die Augen. In drei Minuten wäre alles vorbei.


Nine Inch Nails - Starfuckers Inc.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

die perfekte kurzgeschichte vor dem einschlafen, finde ich.
weija, was hab ich gegrinst. zu erst. dann ging das nicht mehr. kein wunder. sehr sehr gut geschrieben herr rupert. ich haette gerne 1. hilfe geleistet.
keine lieben gruesse an den nachbarn also...

(http://www.lesungslabor.de/html/modules.php?name=News&file=article&sid=29)

Nils hat gesagt…

nein. die sind nicht zu grüßen. passenderweise begrüßten sie mich bei meiner heimkehr mit chubawumbas song tubthumping.

I get knocked down
But I get up again
Youre never going to
Keep me down

meine nase blieb glücklicherweise heil. wobei ich sie mir im krankenhaus ja richtig super hätte hinbiegen lassen können.

schön:
"Der Autor ist auf einmal nicht mehr das, was er schreibt, er wird gesehen und gehört. Und während er seinem eigenen S-Fehler lauscht, während er die Speichelbläschen auf der Zunge zerplatzen hört und mit kieferorthopädischen Artikulationsschwierigkeiten ringt, wünscht sich so mancher Schriftsteller an seinen Schreibtisch zurück: zurück zu der entleibten Literaturvermittlung unserer medialen Welt, zurück zu einer quasi-telepathischen Verbindung mit seinen Lesern und der Gedankenübertragung durch das lautlos geschriebene Wort."

jetzt kühlschrank reinigen, später mehr.

Nils hat gesagt…

ach...und danke.
wo sind bloß meine gedanken.