Sonntag, Juli 23, 2006

Ein Colt für alle Fälle

Ich bin fest davon überzeugt, dass Busfahrer es gerne sehen, wenn Menschen zu den Haltestellen rennen. Insgeheim muss es ihnen Freude bereiten, wenn sie für diesen Moment entscheiden dürfen, wer mitkommen darf und wer nicht. Sie müssen ihn lieben, den Augenblick, in dem sie sich über ihre Dienstleistungsfunktion erheben und für kurze Zeit zum Gott der Parkbucht werden.

Den Gefallen werde ich ihm diesmal nicht tun. Ich werde nicht rennen. Nicht in dieser Hitze. Es sind etwa 150 Meter bis zum Häuschen mit dem großen H. Die Ampel vor mir ist rot. Neben mir brummt der Motor des Busses. Von Zeit zu Zeit stimmt die Motorabdeckung mit Fiepen und Geschepper in das Auf und Ab des Motors mit ein. Resonanzen. Auch seine Ampel steht auf Rot. Warten auf Grün. Jetzt Gelb für den Querverkehr. Noch drei, noch zwei. Grün. Ich gehe schnellen Schrittes los. Jetzt nicht rennen.

Das gequälte Aufheulen des Busmotors kommt einige Sekunden zu spät. Start verpennt. 1:0 für mich. Noch 100 Meter. Der Bus zieht problemlos an mir vorbei und bremst sich hart an den Straßenrand heran. 70 Meter. Die Türen gehen auf. Menschen steigen aus. 50 Meter. Menschen steigen ein. 30 Meter. Die Oma hat keinen Fahrschein und muss bezahlen. 10 Meter. Der Blinker geht nach links. 5 Meter. Die hinteren Türen schließen und ich drücke mich in bester Indiana Jones Manier durch den kleiner werdenden Spalt. Beinahe erwischt es meinen Rucksack, aber ein kurzes heftiges Ziehen befreit mich. Ich setze mich. Ich bin nicht gerannt. Perfekt.

Eine männliche Stimme nölt von vorne.
Junger Mann…
Sätze, die mit „junger Mann“ anfangen sind nie gute Sätze. Sätzen, die mit „junger Mann“ beginnen, folgt meist ein Imperativ, den Versuch einer Degradierung gleich am Anfang. Aber diese Stimme meint sicher nicht mich. Ich bleibe sitzen.

Junger Mann.
Ich drehe mich um und sehe nach vorn. Der Busfahrer präsentiert seine Pilotensonnenbrille im Rückspiegel. Eine Handbewegung winkt mich nach vorn.

Junger Mann! Kommen sie mal nach vorne!
Er wird nachdrücklicher und macht klar, dass er hier der Sheriff ist.

Ich schlendere nach vorn. Fahrgäste mustern mich als sei ich ein Dieb, oder habe mich vor Frauen entblößt. Geringschätzung wo ich hinsehe. Ich krame mein teuer erstandenes Monatsticket hervor, denn das wird er sicher sehen wollen. Da bin ich. Mein Richter, mein Henker. Er sieht nicht auf meinen hervorgestreckten Fahrausweis.

Den wollten sie doch sehen?
Er sieht nicht einmal mich an, blickt hinter seiner Pilotenbrille irgendwo in die Ferne.
Er beginnt.
Junger Mann…

Wenn das hier ein Western wäre, wäre es der richtige Moment auszurasten. Der Moment, in dem ich meinen Colt Peacemaker ziehe und ihm an die Schläfe halte, so dass sein Schweiß am Lauf herunterrinnt.
Scheiße, Manni, was ist dein Problem?“ Ich würde leise sprechen, sein erschrockenes Gesicht genießen, nur um dann zu schreien. „Maul halten und fahren!

Stattdessen:
Junger Mann. Warum sind sie hinten eingestiegen?
- „Na, es musste schnell gehen.
Schnell gehen?
- „Sie haben die Türen geschlossen, ich wollte mit. Also bin ich hinten rein.
Sie steigen nicht hinten ein! Beim nächsten Mal müssen sie schneller machen. Mal ein wenig rennen.
Was zu beweisen war.
- „Sicher. Tut mir leid.
Ich suche mir grinsend einen Platz.


Onelinedrawing - Be Quiet And Drive (Deftones Cover)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

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haette ich das mal gewusst. es kribbelt leicht. vor aufregung. wird mein kommentar wohl genehmigt werden? worauf kommt es denn dabei an? achwas. ich wage es jetzt. habe vorsichtshalber mal anonym angeklickst...
ob das wohl zur grundausbildung jedes oeffentlichen verkehrsmittelsherriffs gehoert? bundesweit? ich bin hoechst amuesiert. und dabei so erinnert. das grinsen wird mich den ganzen tag befluegeln. heute brauch ich keinen colt. bedankt.

Nils hat gesagt…

liebes anonym,
die sache mit der genehmigung hat damit zu tun, dass in letzter zeit finstre blogtrolle über meinen hort der heiterkeit herfielen und mit ihren schändlichen kommentaren ("I find some information here.") verunstalteten und auf ebenso finstre seiten verlinkten, die einzig und allein dem gelderwerb dienen.
aber ohne mich. deshalb stellte ich einen kaffeesüchtigen wachmann und einen drogenspürhund im ruhestand ein, um mein blog zu bewachen. zusätzlich aktivierte ich diese "autor-muss- genehmigen"-funktion.
dies zur erklärung.

ich bin sicher, dass in der grundausbildung noch ganz andere dinge gelehrt werden. etwa, dass man die schwer beladene oma erst einmal zehn sekunden lang dämlich anschauen muss, weil sie zu spät ist und die türen bereits geschlossen sind. dann sollte man die türen aufmachen und dank empfangen. (heute gesehen)

die sache mit der jagd auf katzen halte ich jedoch für ein gerücht.

darüberhinaus freut es mich, wenn ich unterhalten und gleichzeitig zur abrüstung in der leserschaft beitragen kann.

herzlichst,

nils

Anonym hat gesagt…

habe die trolle entdeckt. wirklich bittere zeitgenossen. aber du, lass sie nur. ich meine natuerlich. lass sie nicht. genau.
dein wachperso- und tieral hat mich erlaubt. ich danke herzlich. einen lieben gruss an dieser stelle.

[eine bitte von anonym zu nils: alles. alle deine texte habe ich nun gelesen. solltest du eines tages keine lust mehr darauf haben, weil du annehmen koenntest (also koenntest), dass dies keine sau liest.. wuerde es mich freuen, du koenntest so etwas wie eine vorwarnung geben. dass dann also fini waere. dann naemlich werde ich mir alles ausdrucken und mir ein buechlein davon binden. zum ins regal stellen. ich bedanke mich mal frech im voraus fuer diesen kleinen dienst.]

einen gruss geschickt geschickt

Nils hat gesagt…

ein weiteres mal muss ich danken und die rötung meiner wangen auf enorm hohe temperaturen zurückführen.

gruß und glück,
zurück.