Montag, Oktober 23, 2006

Die Spiegel-Affäre

Heiliger Strohsack! Seit diesem Wochenende trage ich Mitschuld an einem kleinen Web 2.0 Phänomen. Vergesst lonelygirl15, hier kommt Tebis Nador. Aber von Anfang an.

Es ist Samstag und ich sitze in meiner Vorlesungspremiere für dieses Semester - ja, Samstagsvorlesungen, das nenne ich Einsatz – als das Gerücht aufkommt, das große Interview mit Tebis Nador sei auf Spiegel Online verlinkt. Das wird zunächst natürlich nicht geglaubt, dennoch ersinnen „Tebis“, der neben mir sitzt, und ich für kurze Zeit die möglichen Konsequenzen, sollte an diesem Gerücht mehr dran sein.

In der Pause verschafft WLAN Gewissheit: Tatsächlich: Tebis wird für jenes „Forschungsprojekt“ verlinkt, dessen Durchführung er vorgegeben hatte. Selbstverständlich sind wir zunächst einmal begeistert. Die Begeisterung wird kurz darauf noch davon gestützt, dass Google Analytics eine Explosion der Klickzahlen meldet.

Im Laufe des Nachmittags kommt dann eins zum anderen:

  • Immer mehr, zumeist männliche, Kommentatoren verewigen sich auf Tebis’ Profilseite im Studiverzeichnis mit sinnleeren und –losen Anmerkungen zum Thema. Generell wird seine Aktion mit „gelungen“, „cool“ oder gar „saucool“ bewertet.
  • Es wird eigens ein Fanclub gegründet. Man berät, welche der mit Tebis befreundeten Damen man zur Königin des Clubs krönen soll.
  • Tebis bekommt Nachrichten von Menschen, die er nicht kennt.

Gegen Abend eine E-Mail von Tebis bezüglich einer Gegendarstellung: ein Professor aus Düsseldorf schrieb ihn auf Umwegen an, er möge ihm doch sagen, bei welchem Dozenten er eben jene „Studie“ durchgeführt hat, da es bereits mehrere Anfragen diesbezüglich gegeben habe. Ich habe ihm damals gesagt, er solle nicht flunkern, aber gut, das hat er nun davon. Ich schreibe eine Gegendarstellung, der Professor ist zufrieden.

Generell also von vielen Seiten Lob und Bewunderung für Tebis. Und was ist für mich dabei abgefallen?

  • Google Analytics sieht endlich so aus, wie ich mir das immer geträumt habe: ein Seismograph auf der Rüttelplatte. Am Ende des Tages sind es 5400 Besuche, an den beiden folgenden Tagen noch jeweils 1500. Wenn mir mal ganz irre langweilig ist, habe ich nun also einen schicken Datensatz zur Analyse.
  • Der Blogindex bei Technorati klettert mal eben um 300.000 Stellen nach oben.
  • Ich muss mich anmachen und beleidigen lassen. Die Welt ist ungerecht.

Was am Ende bleibt ist ein fader Beigeschmack über die Medienmacht von Spiegel Online, denen scheinbar sogar dann noch geglaubt wird, wenn Worte wie „Forschungsprojekt“ in Anführungsstrichen stehen. Auf der anderen Seite hege ich mittlerweile nicht nur deshalb schwere Zweifel an der Textkompetenz vieler Menschen, die nicht erkennen, dass es sich bei der ganzen Sache um einen Spaß handelt und hoffentlich vermutlich unter diesem Gesichtspunkt überhaupt verlinkt wurde. Außerdem die Gewissheit, dass es immer jemanden geben wird, der auf fahrende Züge aufspringt.

Wenn sich der Rummel um seine Person gelegt hat, werde ich Tebis, der nun nur noch 98 Freunde hat, bitten, dass er noch einmal ein wenig von seinen Erlebnissen berichtet. Es bleibt also weiterhin spannend.

Kommentare:

Philipp hat gesagt…

ich moechte bitte ein Video-Interview mit "Tebis".

Es ist mir absolut unverstaendlich wie Spiegel eine "Studie" mit hundert Leuten als real versteht. Aber deren Recherchequalitaeten lassen leider oft zu wuenschen uebrig. Es geht im Internet eben immer nur noch um "schnell, schnell", denn um Qualitaet.

Nils hat gesagt…

Tebis hinter der Schattenwand, das hätte tatsächlich schon etwas...

Ich glaube nicht, dass Spiegel die "Studie" - im Gegensatz zu vielen Lesern - als real versteht, immerhin haben sie "Forschungsprojekt" in Anführungsstrichen geschrieben. Allerdings scheint es sich beim Autor auch noch um einen Studenten der Uni Köln zu handeln. Von daher ist die gebotene Sorgfaltspflicht womöglich ein wenig unterschlagen worden. Aber das weiß ich nicht sicher.

Viele Grüße nach Australien (ist es doch jetzt, oder?)