Donnerstag, November 08, 2007

Amok

Da stehe ich in der Kinder- und Jugendabteilung der Stadtbücherei und versuche möglichst gelangweilt auszusehen, weil ich gelangweilt aussehen sollte und will, weil ich warten muss, weil die "Lesemäuse" Verspätung haben und weil ich die "Lesemäuse" fotografieren soll. Also streife ich mit möglichst professionell gelangweilter Miene durch von Buchrücken bunt gemusterte Regale, Drehständer voller Comics und Wühlkisten mit Disney-DVDs und freue mich, dass es noch die gleichen Bücher, Comics und Filme gibt, wie es sie vor fünfzehn Jahren schon gab und bin kurz davor in so einen leichten Nostalgienebel einzutreten, als ich mit einem Mal ein Buch in der Hand halte, dass irgendwie nicht hier her zu gehören scheint.

"Ich knall euch ab!" steht auf dem Titel. Ich drehe herum und erfahre vom Buchrücken, dass das Buch mit dem reißerischen Titel die fiktive Geschichte eines Amoklaufs an einer Schule nacherzählt. Ich kann mich nur kurz wundern, wie dieses Buch zwischen Tim, Struppi und Enid Blyton passt, denn dann kommen die "Lesemäuse" und ich schieße ein paar Bilder, wie sie sich die Geschichte von Sankt Martin erzählen lassen und dabei die Illustrationen in einem großen Buch mit wenigen Seiten bestaunen.

Zurück in der Redaktion sagen die Nachrichten etwas von einem Amoklauf in Finnland, erzählen die alte Geschichte vom Jungen mit der Pistole und ich glaube an Zufall oder einen dieser Gedankenprozesse, bei denen Dinge, für die man vorher verstärkt sensibilisiert ist, leichter und schneller auffallen, als würde ein großer Textmarker im Kopf alles grün anstreichen.

Dann denke ich, dass so ein Buch wie das von vorhin unbedingt in die Kinder- und Jugendabteilung jeder Stadtbücherei gehört und außerdem noch in die Schulbibliotheken und in die Curricula und in die Diskussionen und in die Köpfe jedes pickligen Teenagers unter der Sonne.

Und dann fällt mir mein eigenes Pickelgesicht ein und ich erinnere mich an den Morgen des 21. April 1999. Ich kann mich noch sehr gut an diesen Morgen erinnern, weil das der Morgen war, der auf den Abend folgte, an dem die Nachrichten zeigten, wie schwarzgekleidete Männer mit ballistischen Helmen und Maschinenpistolen die blutverschmierten Leiber und leblosen Körper von Jugendlichen, die ich nicht kannte, aus einer Highschool in einer Stadt der USA, von der ich noch nie gehört hatte, schleiften und Nachrichtensprecher Betroffenheitsminen aufsetzten, bevor sie das Wetter anmoderierten.

An diesem Morgen hatte meine Schule dann das gemacht, was sie immer in solchen Fällen tat: Gar nichts.

In den Pausen bildete sich eine Zweiklassengesellschaft des Bedauerns, in der sich die Teilnehmer des Schüleraustauschs mit unserer US-Partnerschule im Vorjahr dadurch hervortaten, dass sie davon berichteten, wie sie, direkt nachdem sie von all dem hörten, in Kontakt mit ihren ehemaligen Gastfamilien getreten sind um sich aus erster Hand über die amerikanische Perspektive zu informieren und direktes und persönliches Beileid auszudrücken. "Ihr wisst ja gar nicht, wie das ist, an so einer Highschool!"

In einer der letzten Schulstunden des Tages war es der Englischreferendar, der sich für uns interessierte, die für diesen Tag geplante Vorstellung eines Buches ausfallen lies und eine Diskussion mit uns, den Schülern, begann. "Was denkt ihr denn darüber und wie fühlt ihr euch? Kann so etwas noch einmal geschehen? Was kann man dagegen tun - und glaubt ihr, dass es auch in Deutschland möglich ist?"

Wir waren, das kann man so sagen, mit diesem offenen Gesprächsangebot überfordert. Ich weiß noch, wie sich eine Gruppe von Mädchen - nach direkter Ansprache - äußerte und einstimmig beschloss, dass so etwas in Deutschland vollkommen ausgeschlossen sei, weil so etwas hier ja viel früher auffallen würde und das ja ohnehin Verrückte gewesen wären, die nur eine verkorkste US-Kindheit hervorbringen könne.

Da habe ich mich zum ersten Male in dieser Stunde gemeldet und gemeint, dass sie, wenn sie für einen Moment aus ihrer Seifenopernwelt aufschauen würden, erkennen könnten, dass es eine Wiederholung, auch hierzulande, sehr wohl geben könnte und wie ich mir weiterhin vorstellen könnte, dass – ohne in Paranoia aufzugehen – auch der Junge mit dem hängenden Kopf, der mir vorhin im Schulflur entgegenlief, irgendwo eine Schuss- oder Sprengwaffe untergebracht haben und Willens sein könnte, diese gegen die Menschen zu richten, die ihm die letzten Jahre seines Lebens zu Hölle gemacht haben.

Außerdem meinte ich noch, dass es dazu keines Verrückten bedürfe - wenigstens nicht im allgemeinen Verständnis von verrückt - und dass es Sinn machen würde, sich selbst zum Maßstab zu nehmen und alles Schlechte in sich selbst mit einem Faktor X zu multiplizieren, der diesem Fall das Mehr an Enttäuschung, Verletzung, Frustration, Langeweile und Wut sei, dass einen eben an diesen Rand von Selbstaufgabe, Rachegefühlen und am Ende Mordplänen führt oder führen könne und es am Ende nur einer kleinen schwachen Sicherung in einigen Köpfen zu verdanken sei, dass hinter dem von Medienseite gewählten Massaker-von-Titel nicht der Name einer deutschen Mittelstadt stehen würde.

Und irgendwann am Ende meiner Wortmeldung sagte ich, dass ich ja selbst nicht wissen könne, ob ich nicht in zwei Jahren selbst dort stehen würde, mit einer oder zwei Pistolen in der Hand. Einfach so, an einem Mittwoch. Meine Provokation verpuffte am Tor zu einer heilen Welt.
„Du bist doch bescheuert.“


Zum Thema empfehle ich ganz dringend:
Bang Bang, You're Dead - ein Theaterstück, auf dessen Basis es auch einen Film gibt. Fantrailer:


Ebenso sehr empfehlenswert, aber nur bedingt etwas für schwache Nerven da sehr intensiv: Zero Day.
Scheint es komplett bei youtube zu geben, hier ist der erste Teil:


Einen Blick sind außerdem die sichergestellten Dokumente des Littleton-Massakers wert, in denen sich zwischen wirren Gedanken, Zeichnungen, Plänen und Hausaufgaben auf Seite 715 so etwas wie ein Liebesbrief versteckt.



Kommentare:

FLuF hat gesagt…

Mhh, interessante Geschichte.. Ich kenne auch diese Menschen, die in der Seifenopernwelt leben; völlig zwecklos zu erwarten, dass die ein klares Weltbild erlangen.

Grüße :)

Nils hat gesagt…

Danke. Nun, man muss sich ja nicht ständig mit eben diesen Menschen abgeben und sobald man aus diesen Zweckgemeinschaften raus ist, fällt schnell auf, dass man sich nur noch mit jenen umgibt, die einem gefallen, was wiederum den Nachteil hat, dass man manchmal erschrickt, wenn man aus jener Welt heraustritt und Neues sieht.