Mittwoch, Januar 31, 2007

Stillleben (Teil I)

Es wird der Morgen des 27. Dezember sein, an dem ich auf der rechten Seite der Rückbank der Familienlimousine Platz nehme und meine Kopfhörer aufsetze um die drei Stunden Fahrt in den Norden einigermaßen zu überstehen.

Der 27. Dezember kündet mit wenigen Plusgraden, die von schneidendem Wind in arktische Kälte verwandelt werden, von einem frostigen Winter. Ich bin überrascht, dass es schon früh tagt, weiß aber noch nicht, dass der 27. Dezember überhaupt nicht vor hat, diesen Zustand der Dämmerung jemals zu verlassen.

Der Mund ist offen, Mutter schläft. Vaters Fuß liegt schwer auf dem Gas, Geschwindigkeit jenseits 160, linke Spur. Mir gehört die Musik, das verschmiert-beschlagene Fenster zu meiner Rechten und die einhundert Meter Welt dahinter. Dichter Nebel lässt Landschaften verschwinden und es bleiben die Autobahn, die Leitplanke und der Grünstreifen mit seinen knochigen Bäumen als der kleine Korridor Realität, für den ich in diesem Moment so dankbar bin. Vater deutet wortlos aus dem Fenster. Schnee.

Im Norden wohnen meine Großeltern. Der Wagen muss wie ein Fremdkörper wirken, als er leise durch die Stadt gleitet, deren größte Sehenswürdigkeit das deutsche Panzermuseum ist. Tatsächlich scheint der Ort selbst wie ein Museum. Baustil der 50er Jahre, kleine Häuser, sozialistisch anmutende Wohnblocks, bröckelnder Putz, freiliegendes Mauerwerk, alle Schattierungen von Braun und Grau. Ich muss an Modelleisenbahnen denken. Jene, die man nach Jahrzehnten auf dem Dachboden noch einmal vom Staub befreien will, dann aber aufgeben muss mit der Erkenntnis, dass sich dieser graue Schmutzfilm nie wieder lösen wird.

Hier ist nicht H0. Auf der Tür eines Stromverteilerkastens hockt ein von Kinderhand gemaltes Eichhörnchen, dessen verblichene Farben noch ein breites Grinsen und ein mittlerweile nur noch zur Hälfte vorhandenes, in den Händen gehaltenes Ortseingangsschild zeigen. Das Kunstwerk auf dem nächsten Kasten scheint jüngeren Datums. Schwarzer Edding auf Hartplastik, ein Kreuz und ein Grab, darin das gleiche Schild von eben: Munster. Zwischen gleichförmigen Häusern schließlich jenes mit der Nummer 13.


Großvater öffnet in Unterhose. Natürlich oliv, die Unterhose, so wie alle Kleidungsstücke. Bundeswehr. Im Kopf ist er da immer noch. Ich habe ihn seit bestimmt sechs Jahren nicht mehr gesehen, davor vielleicht alle zwei Jahre einmal. Als Kind war ich zusammen mit meiner Schwester für eine Woche bei ihnen, meinen Großeltern, und das ist im Grunde genommen schon alles. Meine Eltern haben auch erst seit kurzem wieder regelmäßigen Kontakt mit ihnen, nach den Schlaganfällen. Erst Sie, dann er. Weil sie jetzt im Heim lebt, muss er umziehen, wegen der Miete, die viel zu hoch ist. Darum sind wir hier. Planung.

Kurze Zeit später ist Großvater angezogen. Dreckige, olivgrüne Hose und der farbliche passende Bundeswehrstrickpullover mit Lederflicken an Ärmeln und Schultern. Er scheint so viel kleiner und dünner, als ich ihn erinnere. Das einst schwarze Haar ist nun grau und so kurz geschnitten, dass die Kopfhaut durchscheint. Tiefe Falten durchziehen sein Gesicht und es bleibt die schwarze Hornbrille als einzige Erinnerung, wer dieser Mann einmal war.


Wir sitzen im Wohnzimmer. Hier hat sich nichts geändert. Alles ist so, wie bei meinem letzten Besuch. Das mag nun zehn Jahre her sein. Großmutters Dinge liegen unbewegt herum. Auf dem Tisch steht der Verpackungszylinder einer Whiskeyflasche von schottischer Herkunft. Ich versinke in durchgesessenen Polstern und Vater überreicht die Weihnachtsgeschenke. Der Pyjama bleibt eingepackt, doch beim Kümmel grinst Großvater breit, greift dann in den Aschenbecher und zündet den Zigarillostummel ein weiteres Mal an, von dessen Existenz bereits stechender Geruch im Flur zeugte.

Es geht schnell voran, Vater fragt nach Maßen und Menge der zu transportierenden Möbel, notiert das Gesagte in sauber angelegten Listen. Es geht nicht so leicht, das mit dem Sprechen. Mutter wärmt mitgebrachte Suppe auf und die Suche nach passenden Tellern dauert lang, weil Großvater den Platz für das Porzellan nicht kennt. Schließlich dampft aus schwarzen Näpfen. Ich schlürfe gierig meine Suppe, weil sie den Geruch von Zigarillos milder scheinen lässt und genieße die wärme, denn Dezemberkälte hat sich in alle Zimmer geschlichen.

Nach dem Essen gehen wir durch alle Zimmer. Mengen abschätzen. Tatsächlich ist die Zeit spurlos an diesem Ort vorbeigegangen. Alles ist so, wie ich es erinnere. Im Flur die Bundeswehrdevotionalien, darunter das Bild Großvaters im Tarnanzug, Befehle erteilend. Neben der Haustür hängt noch immer die Sammlung von Hundeleinen. Die waren für Ben. Ben ist schon lange tot.

In Großvaters Arbeitszimmer hängen Köpfe verschiedener Tiere, die er als Jäger und Angler erlegte. Darunter auch der Hecht, der mir als Kind schlimme Albträume bereitete. Als ich dem Hecht Aug in Aug gegenüberstehe, tritt Großvater heran und sagt, dass er noch gut wisse, wie ich Angst vor dem glubschäugigen Fischkopf hatte. Es ist das erste Mal, das er direkt mit mir spricht.


Durch die ganze Wohnung begleiten uns die gelben Tapeten. Dunkelweiß wäre wohl die treffende Umschreibung, denn weiß waren sie einmal. Jahrzehnte voller Nikotin und ohne Renovierung lassen mich davor schaudern, die Wand mit den Fingern zu berühren.

Zurück im Wohnzimmer berichtet Vater, als er mit notieren fertig ist, von den Unstimmigkeiten unter den Geschwistern. Dabei geht es um Geld, denn noch ist nicht sicher, wie Großmutters Heimaufenthalt wirklich bezahlt werden soll. Es trifft. Ungewollt, aber es trifft. Zum ersten Mal höre ich Großvater jenseits des sonst eher barschen Tonfalls. Es ist ihm alles sehr peinlich.

Seidenmatt - Thuwe Pt.2

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Rufen Sie die Hundertschaften zurück in die Kasernen, sperren Sie die Hunde in die Zwinger und ziehen sie die verfluchten Helikopter ab. Weder liege ich in irgendeinem See, noch halbverscharrt in ostsibirischem Permafrostboden. Sagen Sie das dem Einsatzleiter.

In der Tat geht es sogar beizeiten gut, sofern man das von sich behaupten kann. Das junge Jahr bot bislang wenig Grund zu enormer Freude und wird sich noch gewaltig anstrengen müssen, wenn es vorhat, in späteren Rückblenden je Beachtung zu finden.

Hier wird gelegentlich also wieder geschrieben, vom Alten und vom Neuen. Manchmal geht es weiter, weil es weitergehen muss.

Und wo wir gerade schon feststellen, dass Reanimationen eine ganz feine Sache sind, nun aus Tradition ein famoses Video, was sich eben damit beschäftigt. Noch dazu mit momentanem Lieblingslied untermalt, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Capulet - No Time Spoke The Clocks

Dienstag, Januar 30, 2007

Kapitel VI: Inferno

„Eeeeey!“ Es kling beschissen, wenn ich schreie. Warum will ich überhaupt eingreifen? Ich will nicht kämpfen. Ich kann nicht einmal kämpfen. Geprügelt hab ich mich noch nie, also nichts, was über das energische Festhalten der Extremitäten hinausgehen würde. Trotzdem schreie ich, weil Johannes auf dem Boden liegt, weil er sich mit dem Schwarzhaarigen wohl den Falschen ausgesucht hat, weil uns etwas verbindet, was, wenn schon keine Freundschaft mehr, doch wenigstens eine gemeinsame Vergangenheit ist. Eine gute Vergangenheit, im Groben und Ganzen. Das ist mehr, als ich über viele andere Menschen sagen kann. Das ist mehr, als ich mir in diesem Moment eingestehen möchte. Aber das ist vielleicht auch ein Grund zu kämpfen.

Meine Stimmbänder nehmen mir die Entscheidung ab. Meine Beine tun den nächsten Schritt. Heraus aus dem Halbkreis der Kneipengänger, die ihre Zuschauerrolle voll ausfüllen. Mich ekelt die Faszination in ihren Augen, die Münder bereit zur Anfeuerung. Sogar der neue Wirt ist hinter der Bar hervorgekommen und freut sich auf ein Spektakel. Was für ein Ort. Es bleibt bei einem Schritt, dann werden meine Arme von Hinten gegriffen und auf den Rücken gedreht.

„Nee, du bleibst hier!“
Ein grobschlächtiger Brocken, der vor einer Sekunde noch neben mir stand, nimmt mich nun in den Schwitzkasten.
„Einer gegen Einen. Kapiert?“
Ein merkwürdiges Verständnis von Fairness, doch mir bleibt keine Zeit, mich zu wundern, denn ich muss mit Entsetzen feststellen, dass der Breitschultrige von Johannes ablässt und sich mir zuwendet. Immerhin ein Teilerfolg. Ich versuche dem Griff des Brockens zu entrinnen, doch er packt mich nur noch stärker. Johannes Gegner scheint nun meiner zu werden, denn ich genieße nun seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Während er näher kommt, versuche ich weiter, mich aus den baumdicken Armen meines Hintermannes zu winden. Zwecklos. Wo sind Zeitlupeneffekte, wenn man sie braucht?

„Wolltest von hinten an mich ran, hä?“
Er tritt näher an mich heran. Sein Atem stinkt nach Alkohol und Zigaretten. Ich wende den Kopf ab.
„Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“
Es widert mich an. Dennoch schaue ich ihm in seine verquollenen Augen. Meine Arme und Beine kribbeln. Mein Magen möchte seinen Inhalt möglichst schnell loswerden. Am Besten nach oben. Ich habe Angst.

Die Faust trifft wie eine Dampframme. Dabei verfehlt sie nur knapp das Brustbein, trifft stattdessen in den Bauch. Ich sacke zusammen. Der Brocken lässt mich endlich los. Es tut nicht weh. Ich kann nicht mehr Atmen. Mein Magen gibt nun endgültig auf und vor meinen Augen bildet sich ein kleiner See aus Erbrochenem. Jetzt tut es weh. Viel schlimmer ist aber das Gefühl der Ohnmacht und der Ungerechtigkeit. Tränen schießen in meine Augen.

Ich schaue kurz nach oben und erkenne erleichtert, dass sich Mann und Faust wieder um Johannes kümmern wollen. Erleichtert? Johannes! Ich versuche aufzustehen, aber meine Knie geben nach und ich lande mit dem Gesicht in meiner eigenen Kotze. Vom Boden aus kann ich sehen, wie der Mann stehen geblieben ist. Dann ist da noch ein zweites Paar Beine. Johannes!

Er hat sich aufgerappelt und steht wieder in dieser seltsamen Bruce Lee Pose herum, wie er das eben schon tat. Aus einer Platzwunde über der Augenbraue sickert dunkles Blut über sein Gesicht. Er hat diesen wilden, entschlossenen Blick in den Augen, den ich noch von früher kenne. Das war immer der letzte Blick, bevor er die Kontrolle verlor. „Unruhe“, nannte es die schrullige Kinderpsychologin, zu der Johannes alle zwei Wochen gehen musste um sich an Schaumstoffklötzen abzureagieren und dämliche Bilder zu malen. Irgendwann hat er dann die Schaumstoffklötze gegen Sandsäcke eingetauscht und…

Als er Anlauf nimmt, weiß ich, dass es nicht gut um meinen Peiniger bestellt ist. Dreizehn Jahre Kickboxen stecken in dem Bein, das ihn nun mit voller Wucht unter dem Kinn erwischt. Knack. Als sein Kiefer bricht, seufzt der Mann laut auf, bevor er wie ein verwundetes Tier versucht, sich auf Johannes zu stürzen. Der weicht aus und lässt sein gestrecktes rechtes Bein von hinten in die Kniekehlen des nun taumelnden Mannes stoßen, worauf dieser zusammenbricht.

Das Publikum scheint über die Wendung des Kampfes begeistert und Stimmen rufen Johannes zu, dass er den „Alten“ jetzt „kaltmachen“ solle und all so etwas. Wie der „Alte“ wieder auf die Beine gekommen ist, vermag ich nicht zu sagen, aber das er Schmerzen hat, sieht man ihm an. Wirren Blickes sucht er sein Heil in einem weiteren Angriff. Die Faust trifft wieder nur Luft und Johannes nutzt den ausgestreckten Arm als Hebel für einen Schulterwurf. Der schwere Körper klatscht laut auf den Fliesenboden. Johannes ist sofort über ihm und zieht ihn wieder hoch.

„Komm doch, komm doch! Mach doch! Schlag doch! Komm Opa!“
Ich weiß nicht, was Johannes da tut, ich weiß nur, dass ich ihn davon abhalten muss, eine größere Dummheit zu begehen. Der Mann kniet vor ihm und blickt durch gebrochene Augen ins Leere. Meine Beine wollen mich endlich wieder tragen. Langsam taumle ich auf die Beiden zu.
„Hey!“
Ich hebe die Hand und für einen Wimpernschlag trifft mein Blick den von Johannes. Ich kann nicht sagen, ob er mich überhaupt erkennt. Im nächsten Moment werde ich von zwei Bärenpranken zurückgerissen.

„Einer gegen Einen!“ Grunzt eine Stimme. Dann werde ich nach hinten geschleudert und schlage hart gegen einen Tisch. Noch einmal rapple ich mich auf und versuche, mich auf Johannes zuzubewegen. Wieder werde ich von Bärenpranken durch den Raum geworfen. Diesmal mit Nachdruck.
„Du verschwindest jetzt besser. Oder ich lass dich verschwinden.“

„Mach das nicht!“
Ich rufe laut, aber meine Worte gehen im Lärm der Stimmen unter, die alle das Gegenteil fordern. In meinem Kopf brennt es. Ich renne hinaus.

Ich zittere am ganzen Körper, als ich Minuten später hinter den beiden Securitygorillas das Gebäude wieder betrete. Mir wird übel bei dem Gedanken an den Verrat, den ich gerade begehe. Zurück am Ort des Geschehens kann ich meinen Brechreiz nur schwer unterdrücken. Ich komme zu spät. Johannes sitzt auf der Brust des Mannes, von dessen Gesicht nicht viel mehr als eine teigige Masse übrig ist. Um ihn herum ist alles voller Blut, aus dem nur teilweise kleine weiße Stückchen hervorragen. Zähne.

Es ist sehr still geworden. Niemand schreit, niemand feuert mehr an, niemand redet. Der blutende Mann wimmert leise. Johannes rührt sich nicht. Er sitzt einfach nur da und… ja, er weint. Als die beiden Gorillas an ihn herantreten lässt er sich widerstandslos von ihnen durchsuchen. Handschellen klicken. Der Wirt beteuert auf Nachfrage von einem Gorilla, dass er schon einen Krankenwagen gerufen habe. Wir gehen nach draußen.

Hier sind wir nun also. Ich weiß nicht, ob wir überhaupt jemals Freunde waren, aber es ist die gemeinsame Geschichte, die uns immer noch verbindet. Oder verbunden hat? Wann ist Freundschaft zu Ende? Ab wann hört man auf, einen Menschen zu mögen? Ab wann darf man aufhören?

„Kann ich noch eine rauchen, bevor es losgeht?“
Ich weiß es nicht.

Dienstag, November 28, 2006

Kapitel V: Infanterie

Nachdem Andrea aufgelegt hat, liege ich noch lange wach und überlege, wann ich den Moment verpasste, in dem ich es hätte merken müssen. Sicher war es seltsam, dass Johannes sich meldete, nach all der Zeit. Aber ich bin ja auch niemand, der soziale Kontakte besonders pflegt und eine Pause aus all dem Pärchen-Gesellschaftsspielabendetraumland, das seine Freundin langsam um ihn herum aufbaut, muss ihm einfach gut tun. Darum sage ich zu, als er irgendwann gegen Mittag eine Kurzmitteilung sendet.

Er ist beim zweiten Bier, als ich mit der üblichen Verspätung im „drive-by“, eben jenem „Stammlokal“, ankomme. Ich stelle fest, dass ich schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr hier war. Seit Günni, so hieß der Wirt, der eine Expedition ohne Wiederkehr nach Portugal unternahm, nicht mehr hinter dem Tresen steht, hat sich einiges verändert. Alles ist eine Spur dreckiger, der Boden klebt von verschüttetem Bier, die Leute sind, nett beschrieben, merkwürdig. Ich beschließe, nicht wieder herzukommen, um nicht die Erinnerung an schöne Abende mit neuen Eindrücken zu überdecken.

Gar nicht verändert hat sich Johannes. Wir plaudern über die Zeit in der Schule und danach, die Leute und was aus ihnen geworden ist, schließlich landen wir bei Gott und der Welt – und bei Andrea. Es wird das fünfte Bier gewesen sein, als es aus ihm herausplatzt. Er wirkt auf einmal recht durcheinander, erzählt eine wirre Geschichte von Andrea, einem Daniel von ihrer Uni, Eifersucht, einem enormen Streit am Vorabend und grußloser Gleichgültigkeit am Morgen. Mir wird langsam klar, warum wir hier sitzen. Johannes geht auf die Toilette.

Als das Glas an der Wand zerbirst, explodiert die Gewalt im Raum. Ich kann spüren, wie die Luft mit einem Schlag kälter wird und will nicht glauben, mit welcher Geschwindigkeit nun alles geschieht. Gerade habe noch dieses hastige „Runter!“ über die Lippen gebracht, was wohl Schlimmeres verhinderte, um jetzt zu sehen, wie Schlimmeres auf Johannes zustürmt.

Ich habe mir den Mann vorher gar nicht genau angesehen. Er ist klein, aber kräftig. Bestimmt vierzig, schwarze Igelfrisur, braune Lederjacke, enge Jeans und eine Nase, die sicher schon einmal gebrochen war. Johannes, der sich geistesgegenwärtig bei meinem Aufschrei auf den Boden warf, rappelt sich langsam wieder auf.

„Dich mach ich platt!“ der Mann brüllt und hat die Distanz zu Johannes mit drei Schritten schnell überbrückt. Die Faust streift Johannes, der erstaunlich gut ausweicht, am Ohr und trifft schließlich die Schulter, ohne großen Schaden anzurichten. Johannes weicht zurück. Schnell hat sich ein Halbkreis aus Menschen um die Szene gebildet, die mir immer surrealer erscheint. Johannes nimmt eine Verteidigungsstellung ein, wie ich sie aus Martial-Arts Filmen kenne und versucht, möglichst viel Entfernung zwischen sich und den Schwarzhaarigen zu bringen.

Er ist aber viel zu betrunken, um dem plötzlichen Kopfstoß seines Gegenübers viel entgegenzusetzen. Patsch. Ein hässliches Geräusch. Dann noch einmal Patsch, als Johannes zusammensackt.

Samstag, November 25, 2006

Kapitel IV: Diazepam

Bis dahin ist die Wahrheit meiner Zunge Freund, so einigermaßen jedenfalls. Dann jedoch muss ich aufpassen, dass ich die anschließende „Rangelei“, bei der Johannes ein „paar Schrammen abbekommt“ und sein Gegenüber einmal „unglücklich fällt“, möglichst harmlos beschreibe. Laut meiner Worte dauert die „Auseinandersetzung“ nur „wenige Sekunden“ bis der Sicherheitsdienst erscheint, die beiden „Streithähne trennt“ und schließlich mit Blaulicht wegfahren lässt. Na, wenigstens beim letzten Punkt habe ich nicht gelogen. Dennoch fühle ich mich sehr unwohl.

„Und Johannes ist nichts passiert?“ fragt Andrea noch einmal besorgt.
- „Nee – der ist in Ordnung. Blaues Auge vielleicht – mehr nicht. Ist halt alles doof gelaufen.“
„Was hast du denn gemacht? Hast du ihm gar nicht geholfen.“
Die Frage hatte ich erwartet. Ja, geholfen. Vielleicht habe ich ihm geholfen. Vielleicht stehe ich mit dieser Meinung aber auch allein.
„Ach, weißt du, das ging alles so unglaublich schnell…und bevor ich da überhaupt kapiert hab, was läuft, war es schon vorbei.“
Ging es nicht. War es nicht. Tatsächlich kam es mir ungfassbar lang vor.

„Und die Polizei? Ich meine, warum haben die ihn denn dann mitgenommen – das war doch Notwehr, oder so etwas in der Art!“
- „Ähh, schon irgendwie, weißt doch, wie die Polizei so drauf ist, da ist jeder erstmal schuldig. Alle in einen Sack und dann draufhauen, trifft schon den Richtigen.“
Weil ihr nichts einfällt, was sie mir entgegnen kann, dehnt sie ein „Mmmmhhh“ bis zur Unendlichkeit.

„Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir uns jetzt alle schlafen legen. Johannes ist ja nix passiert und der pennt jetzt bestimmt schon seelenruhig, während du dir die Nacht um die Ohren schlägst. Hast ihn ja morgen wieder. Wenn du willst, können wir ihn ja zusammen abholen fahren.“

Das meine ich wirklich ernst. Zum einen haben die beiden kein Auto und zum anderen wäre es wohl ganz gut, wenn auch Johannes möglichst schnell von der nun offiziellen Version der Geschichte erfährt, bevor er eine andere erzählt.

„Naja, du hast vielleicht Recht. Ich schlafe dann jetzt wohl mal besser.“ Ich weiß natürlich selbst, dass ich nicht Recht habe, aber mir ist sehr daran gelegen, dass wir dieses Gespräch kurz halten.
- „Mein ich doch. Du rufst mich dann an, wenn Johannes sich meldet? Dann hol ich dich und wir dann ihn ab? Okay?“
„Okay.“
- „Dann noch eine gute Nacht.“
„Nacht.“

Freitag, November 24, 2006

Kapitel III: Monolog

Natürlich will sie nun wissen, was passiert ist und es bringt nichts, da jetzt eine komplett konstruierte Lügengeschichte zu erfinden, weil am Ende ja ohnehin alles irgendwie herauskommen wird. So biege ich ein wenig an der Wahrheit um Johannes vor sich selbst zu schützen, wenn ich das auch vor ein paar Stunden auch noch nicht vermochte.

Andrea weiß nach den nächsten fünf Minuten, wie Johannes mich in jene Bar schleppt, auf die wir uns wegen unterschiedlichster Musik- und offensichtlich auch Menschengeschmäcker irgendwann einmal als Weg der Mitte geeinigt haben. Dass eben jene Bar nun einen neuen Besitzer hat, weil der alte sich mit dem Fahrrad und all dem Geld aus der Kasse nach Portugal abgesetzt hat, erwähne ich nur am Rande.

Ich erzähle aber, wie Johannes sich in dem Laden, der nun dank neuem Besitzer, neuem Stil und neuer Musik auch über eine Zielgruppe verfügt, in die Fröhlichkeit trinkt. Ich erwähne nicht die Geschichten aus Job und Beziehung, mit denen er mich nach einigen Bieren langweilt und auch nicht, dass „in die Fröhlichkeit trinken“ bei Johannes schon reichlich viel Alkohol bedeutet.

Sie erfährt, wie Johannes dann irgendwann auf die Toilette gehen will und auf dem Weg dorthin einen Typen anrempelt, sich wohl entschuldigen will und es von Ferne so aussieht, als würden die beiden noch kurz miteinander reden, bevor Johannes seinen Weg zur Toilette fortsetzt. Dann berichte ich weiter, wie ich nicht genau weiß, was dann geschehen ist und nur nach einiger Zeit bemerke, dass nun auch der Typ verschwunden ist, den Johannes angerempelt hat und seine zugegebenermaßen recht hübsche Freundin nun allein an ihrem Tisch sitzt.

Ich erkläre, wie ich mir dann irgendwann Sorgen mache, weil Besuche auf der Herrentoilette ja für gewöhnlich recht kurz ausfallen und dass ich mich auf den Weg dorthin mache, um nachzusehen, wo er denn bleibt und wie die Tür auffliegt, als ich kurz davor stehe und dass Johannes schnellen Schrittes an mir vorbeirauscht, dicht auf seinen Fersen den Mann vom Rempeln, der noch ein „Bleib stehen, Arschloch!“ durch den Raum grölt.

Wie der Bierkrug, den der Mann dann von einem nahen Tisch greift und nach Johannes wirft, wobei er nur knapp dessen Kopf verfehlt weil ich laut "Runter!" brülle und er sich wegducken kann, bausche ich nicht weiter auf, denn ein Held war ich an diesem Abend ganz gewiss nicht. Held ist etwas anderes.

Cage - Shoot Frank

Donnerstag, November 23, 2006

Kapitel II: Dialog

Es ist drei, als ich heimkomme und es ist vier, als ich im Bett liege und nicht schlafen kann. Die Zeit dehnt sich zu zähem Sirup und um auf andere Gedanken zu kommen, versuche ich, mir verschiedene Geschmacksrichtungen für Zeitsirup einfallen zu lassen und zu schmecken, um darüber dann einzuschlafen.

Ich bin bei Honigmelone angekommen, als das Handy laut zu schreien beginnt. „Johannes sein zu Hause“ steht auf dem Display und ich wundere mich. Ist er etwa schon…nein, ist er nicht. Tatsächlich ist es Andrea.

„Wo zur Hölle seid ihr?“
- „Ich bin im Bett, kein ganz ungewöhnlicher Ort für diese Uhrzeit. Wo bist du denn?“
Für einen Moment halte ich das für eine Spitzenantwort, bereue dann aber schnell. Hatte er sie denn nicht angerufen? Was ist mit dem einen freien Anruf, bei dem sich Filmhelden noch einmal bei Angehörigen melden oder einen Auftragskiller für den Spitzel anheuern, der sie verraten hat. Da er ersteres nicht gemacht hat, hoffe ich, dass er auch für letzteres schlichtweg zu besoffen war.

„Um dich mache ich mir keine Sorgen.“
Ja, tatsächlich unterhalten wir ein recht unterkühltes Verhältnis. Das liegt wohl an mir und meiner Art, mit der ich zweiundzwanzigjährigen Mädels begegne, die sich wie ein Hausmütterchen in den Wechseljahren aufführen. Sie ist wohl das, was man in Kontaktanzeigen einen „häuslichen Typ“ nennt: stets besorgt um ihren „Schatzi“ und verliebt in ihren Haushalt, den sie mit Stolz und Freude führt, der mich aber ankotzt, weil ich mir bestimmt nicht die Schuhe abtreten will, mein Geschirr gern selbst in die Küche bringe, wenn mir das passt und bei immer seltener werdenden Filmabenden auch nicht davor zurückschrecke die Füße auf ihren IKEA-Wohnzimmertisch zu legen.

„Johannes ist im Knast.“
Ich formuliere knapp und klinge noch immer nicht besonders freundlich, aber das sind Anrufe um vier Uhr morgens auch nicht. Leider kommt mir zu spät die Idee, dass Johannes das vielleicht gar nicht gefallen könnte, also dass sie das alles von mir erfährt, aber nun ist es raus und weil ich am anderen Ende der Leitung nur ein entsetztes Luftholen höre, schiebe ich in versöhnlicherem Tonfall schnell hinterher:
„Es geht im gut. Ist auch gar nicht Knast. Nur bei der Polizei und das auch nur für eine Nacht.“

Kettcar - Einer

Mittwoch, November 22, 2006

Kapitel I: Versus

„Kann ich noch eine rauchen, bevor es losgeht?“

Johannes sieht den Gorilla hinter sich fragend an. Der Gorilla nickt mir zu. Ich nestle aus Johannes Hosentasche eine reichlich zerdrückte Packung roter Gauloises hervor. Es dauert eine Weile, bis ich aus all dem Tabakgebrösel noch eine halbwegs brauchbare Zigarette herausfische und ihm in den Mund stecke. Wenigstens ist die Nacht so dunkel und das Licht der Bar hinter uns so schwach, dass ich das Blut nicht sehen muss.
„Feuer?“
- „Andere Tasche.“

Wir blicken schweigend in den Rauch, bis der Rettungswagen davonfährt und kurz darauf die deutlich verspätete Funkstreife eintrifft. Während der jüngere, schlaksige Polizist in einiger Entfernung die Handschellen des Securitygorillas auf Johannes Rücken durch staatliche ersetzt, braucht es eine Weile, bis der breit gebaute Zweisterneschnäuzer vor mir begreift, dass ich nichts, oder nur am Rande mit all dem zu tun habe.

Während er meine Personalien mit stumpfem Bleistift in ein rotes Notizbuch einträgt, denke ich über Johannes nach. Darüber, wie lange wir uns schon kennen und darüber, ob ich ihm so etwas wirklich zugetraut hätte. Ja, ich glaube, dass ich es für möglich gehalten habe. Er ist schon früher ausgerastet, hat rot gesehen.

Damals, als wir Soldaten gespielt haben, am Waldrand, und ich nicht sofort umfallen wollte, weil sein Plastikgewehr eindeutig nicht auf mich zielte, als es dieses spröde Knattern von sich gab, da ist er dann zu mir hingerannt und hat mich in den Schwitzkasten genommen, bis ich wirklich fast tot auf dem Boden lag. Wirklich geschlagen haben wir uns nie. Auch heute nicht. Vielleicht wäre das besser gewesen.

Ich erinnere mich noch an die Sache mit Sascha und dem gebrochenen Arm. Das war mit fünfzehn. Man ist zwar übereingekommen, dass es sich um einen Unfall gehandelt hat, aber ich habe ohnehin nie daran geglaubt, dass jemand in einem plötzlichen Anfall von Schwäche rückwärts die Leiter zum Dreimeterbrett des Stadtfreibades herunterfällt. Johannes hat mir irgendwann später gestanden, dass es um ein Mädchen ging. Christiane, oder so. Das hat dann später etwa so lange gehalten, wie der Gips an Saschas Arm.

Ein jähzorniger Junge, meinten Eltern und Lehrer gleichermaßen. Er würde sich schon beruhigen, wenn er älter würde. Tatsächlich behielten sie Recht. Spätestens, seit er vor drei Jahren in diese beinahe eheähnliche Beziehung mit Andrea angefangen hat, ist er ruhiger geworden. Nun, was auch immer sich in ihm geändert haben mag, es hat nur bis heute Abend gehalten.

Jetzt also Polizeipremiere. Der Schnauzbart bedankt sich und wünscht in brummendem Tonfall einen schönen Abend. Ja, einen schönen Abend werden wir haben, mein Gewissen und ich.
„Was passiert jetzt mit ihm?“ will ich wissen.
„Die Nacht bleibt er bei uns.“ ist die knappe Antwort.

Der Schlaks nimmt noch die Zigarette aus Johannes Mundwinkel und wirft sie achtlos auf den Bordstein, wo sie Funken wirft, bevor er dem Gefesselten auf die Rückbank des Wagens hilft.

Als die Streife anfährt, starrt Johannes ins Leere und ich auf den Rest Zigarette auf dem Boden, der nach einer Weile in der kühlen Novembernacht verglimmt. Ich fange an zu zittern. Mir ist kalt.

Samstag, November 18, 2006

Bilder und Bälle

Heute hatte ich Bundesligapremiere. Als Zuschauer - selbstverständlich. Zuschauer bitte nicht verwechseln mit Fan, denn bei Fußball geht meine Begeisterung kaum über die National- und damit gleichzeitig Konsensmannschaft hinaus, sowie für das jeweilige Team, dessen Geschicke ich bei FIFA07 lenke.

Überhaupt das erste Mal, dass ich über Regionalliga, die ich mir beizeiten wegen der Arbeit ansehen muss, hinauskomme. Um es kurz zu machen: Dortmund hat verloren und ich erkläre heißen Kakao zum neuen Stadiongetränk. Das wird Kult. Da bin ich sicher.

Fotoblog:





Der Fänger im Rice

So. Die Platte für Herbst/Winter scheint gefunden. Ein Punkt zum abhaken. Jetzt brauch ich mal wieder gute Musik für auf die Fresse...
Damien Rice & Lisa Hannigan - 9 Crimes (live)